St.Stephanus

Die seit 1985 denkmalgeschützte St. Stephanus-Kirche ist der älteste und traditionsreichste Sakralbau der katholischen Kirche im Ortsteil Bockum, Teil des Stadtbezirks Bockum-Hövel der Großstadt Hamm. Die erste Kirche an diesem Standort, die sich tatsächlich belegen lässt, ist die sogenannte Alte Kirche. Das genaue Baujahr ist nicht bekannt; sie ist erstmals für das Jahr 1092 urkundlich nachgewiesen. Der Turm stammt aus romanischer Zeit, das spätgotische Langhaus wurde nach Schwieters im 14. Jahrhundert angebaut. Als zwischen 1170 und 1180 die Eigentumsverhältnisse an der St. Stephanuskirche nicht geklärt werden konnten, wurde das Domkapitel von Münster Lehnsnehmer der Bockumer Kirche. Lehnsherr wurde der Domdechant und Propst von Sankt Martini in Münster Gottfried von Altena, der womöglich ein Nachfahre des Grafen Bernhard von Hövel war. St. Stephanus war damit Eigenkirche des Domkapitels zu Münster, dem damals der Amtshof Bockum noch gehörte. 1193 teilte Bischof Hermann II. die Kirche dem Archidiakonat (geistlicher Gerichtsbezirk) des Probstes von St. Martini in Münster zu. 1270 soll Fürstbischof Gerhard von der Mark eine aus Stein errichtete St. Stephanuskirche in Bockum eingeweiht haben.

Um die Kirche entstand im Laufe der Jahre aus den Bauernschaften Barsen, Holsen, Merschhoefeld (Merschhoven) und Bockum ein Dorf, das von dem Oberhof Buokhem (=Buchenwald), der seinerseits dem Haupthof Werne unterstand, den alten Bauernschaftsnamen Bockum übernahm. Das neue Kirchspiel wurde von den Pfarrbezirken Ahlen und Werne abgepfarrt. Das Patronatsrecht haftet bis auf den heutigen Tag an dem Besitz des adeligen Hauses Beckedorf. Inhaber dieses Rechts waren zunächst die Herren von Hövel, dann die Freiherren von Boymer (Böhmer) zu Beckedorf und heute die Grafen von Merveldt zu Westerwinkel, die Beckedorf 1855 käuflich erwarben.

Im 19. Jahrhundert wurde die Alte Kirche unter Denkmalschutz gestellt, da sie zu den Kunstdenkmälern Westfalens gehörte. Zu diesem Zeitpunkt waren der romanische Turm und das im 14. Jahrhundert hinzugefügte gotische Langhaus noch vollständig erhalten. Letzteres hatte außer dem Hauptschiff nur ein Seitenschiff (gewöhnlich haben Kirchen ein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe), das nach Norden lag. Die beiden Schiffe hatten je zwei Jochen. Weil nur zwei Gewölbe vorhanden waren, stand in dem Gotteshaus nur ein einzelner, mächtiger Pfeiler, der sie stützte. Im Osten schloss sich ein gerade, geschlossener, spätgotischer Chor mit schräggestellten Strebepfeilern außen an. Im Turm hingen drei sehr alte Glocken ohne Jahreszahl und Inschriften. Ein romanischer Taufstein, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert, der mit schräggestellten Arkaden unter einem Blattfries geschmückt ist, steht noch in der heutigen Kirche; auch ist das alte Sakramentshäuschen mit reichem Aufbau aus dem 14. Jahrhundert in die neue Kirche übernommen und an der ehemaligen Frauenseite aufgestellt worden.

Über fünf Jahrhunderte diente der alte Bau mit seinem vierseitigen Turm der Gemeinde als Gotteshaus.

Für das Jahr 1851 nennt das Handbuch für das Bistum Münster 900 zur Pfarre gehörende Katholiken. Hinzu kommt, dass viele Gläubige aus der benachbarten Pfarre Werne wegen der weiten Entfernung dorthin den Kirchbesuch in Bockum vorzogen. Die Kirche muss deshalb längst als viel zu klein empfunden worden sein. Man versucht die Lage zunächst zu entschärfen, indem man mehrere große Emporen einbauen ließ, was als eine erhebliche Entstellung des Kirchengebäudes empfunden wurde. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war man deshalb entschlossen, die immer mehr verfallende Kirche, die man “ohne nennenswerte Kunst” wähnte, durch einen Neubau zu ersetzen. Kirchenvorstand und Gemeinderat vereinbarten dazu, jeden der Kommunikanten zu verpflichten, wöchentlich einen Pfennig in die Baukasse zu zahlen. Zusätzlich sollte jeder Hausherr von seinen Bediensteten je einen Kirchenpfennig einbehalten. Auch die regelmäßigen Kirchenbesucher aus Werne wurden an den Zahlungen beteiligt. Diese Beträge wurden gesammelt und jedes halbe Jahr bei der Bank verzinslich angelegt.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert zählte die Gemeinde der Kirche bereits über 1.000 Köpfe. Die Kirchen hatte damit endgültig nicht mehr die Kapazitäten, alle Gläubigen aufzunehmen. Allerdings umfasste die Baukasse inzwischen mehr als 70.000 Mark, die zum Teil aus einer eigens dafür erhobenen Sonderkollekte stammten. Der damalige Pfarrer, Bernard Weckendorf, fing nun an, den Kirchenneubau konkret zu planen. Ursprünglich hatte man an einen kleineren, sich an den Maßen der bestehenden Kirche orientierenden Bau gedacht. Die sprunghafte industrielle Entwicklung, die schließlich in das Abteufen der Zeche Radbod 1905/1906 mündete, führte zu einer stark vermehrten Ansiedlung, so dass noch mehr Platz benötigt wurde. Man fasste deshalb ein größeres Gebäude ins Auge. Unter mehreren Bewerbungen – unter anderem von Hilger Hertel dem Jüngeren und Johann Franziskus Klomp – entschied man sich für den Entwurf des Berliner Architekten Heinrich Jennen. Dieser hat in Westfalen im Jahre 1911 auch die Pfarrkirche St. Jakobus d. Ä. in Oeding/Südlohn gebaut und später verschiedene Berliner U-Bahnhöfe in Wedding und Stadtmitte gestaltet.

Man wollte in 1903 mit dem Bau der neuen Kirche beginnen. Dazu galt es zunächst einmal, die alte Kirche zu beseitigen. Die Regierung genehmigte den Neubau auf der alten Stelle aber nicht, weil sich die Denkmalpflege dem Abbruch der Alten Kirche widersetzte. Diese sollte unter allen Umständen als Kunstdenkmal erhalten bleiben. Die Kirche wurde trotzdem geräumt und erlitt im November 1903 Beschädgiungen bei einem Unwetter. Man hoffte auf den nächsten “Brauswind, bei dem auch die Macht eines königlichen Konservators nix to seggen” habe, wie eine Zeitung schrieb. Dass der nächste “Sturmschaden” nicht lange auf sich warten ließ, hing wohl damit zusammen, dass man die für den Neubau zusätzlich benötigten Flächen bereits angekauft und begonnen hatte, die Baustelle einzurichten.

Der Pfarrer reiste in dieser Angelegenheit zweimal nach Berlin zum Ministerium, jedoch ohne Erfolg. Als er von der zweiten Reise zurückkehrte, empfing ihn einer seiner Pfarrkinder auf dem Bahnhof Hamm (Westfalen) mit den Worten: Herr Pastor, unser Kirche in Bockum ist gestern zusammengestürzt. Kein Stein steht mehr auf dem anderen. Nun können wir doch an der Stelle unsere neue Kirche bauen. Am 21. März 1904 waren Haupt- und Seitenschiff der Kirche eingestürzt, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht ganz ohne Nachhilfe. Beim Turm riskierte der Kirchenvorstand dann auch offiziell den Abbruch.

So konnte in den Jahren 1905 bis 1907 die jetzige, neoromanische St. Stephanuskirche errichtet werden. Hatte die alte Kirche mit ihrem Chor nach Osten gewiesen, wurde die neue, größere Stephanuskirche nunmehr in Nord-Süd-Richtung erbaut.